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Mein Buch ist seit Anfang März bei Amazon publiziert.

Amazon, Kindle, e-book...und dann nach dem Titel suchen:

Mit 60 Jahren um die Welt

Viel Spaß und unten eine kurze Leseprobe.

Übrigens...man braucht kein Kindle, sondern kann es auf jeden Computer, auf jedes Tablet runterladen.

Blick ins Buch...

Die Dachterrasse lag auf einem der höheren Häuser in South Beach. Der Wind wehte mäßig von Osten, oder er wurde durch die Gebäude der Ocean Avenue gemildert, die zwischen dem Strand und hier lagen. Den Ozean konnte man allerdings hören. Kein Donnern, aber ein Rauschen, das die Atmosphäre hier oben so friedlich machte. Die Kellner lehnten gelangweilt an der Bar, denn um diese Uhrzeit war noch nicht viel los. Es war Ende September, eine sehr gute Zeit, um in Miami den Sommer zu genießen. Norbert saß, den Wind und das Meeresrauschen im Rücken, als einer der wenigen Gäste an einem der Tische, betrachtete die schnell zusammenfallende Blume auf seinem Bier und die Silhouette, die sich gegen den beginnenden Sonnenuntergang abzeichnete. Hochhäuser in einiger Entfernung. Dazwischen lag das Wasser, das South Beach vom Festland trennte. Er konnte es nicht sehen, allerdings, als er danach suchte, konnte er Fragmente der Brücke in den Häuserschluchten erkennen, über die er heute Mittag gefahren war. Miami. Miami Vice fiel ihm ein, die Fernsehserie, die er vor dreißig Jahren, oder war es länger her, gesehen hatte. Don Johnson im weißen Anzug (mit Schulterpolstern) auf schnellen Booten, Straßenkreuzer, Wolkenkratzer, das Meer, die Sonne. Es war immer sonnig im Fernsehen. Norbert war heute Nachmittag vor einem heftigen Regenschauer in einen Supermarkt geflüchtet. Aber jetzt war alles wieder gut. Warm war es sowieso. Und die Straßenkreuzer und die Wolkenkratzer gab es tatsächlich. Wohl noch viel mehr als damals. Er nahm einen langen Schluck. Es gab hier tatsächlich Weizenbier. Das Glas etwas komisch, aber Weizenbier. Der Himmel im Westen färbte sich leicht rötlich. Noch war es hell. Dass er mal wirklich hier sitzen würde, hatte er bei aller Fantasie vor dreißig Jahren nicht für möglich gehalten. Na klar, der Wunsch war da. Damals gab es zwar das Meer, aber das war die Ostsee. Kein Glanz ringsherum, aber viel Grau. Und immer dieses Lügen. Mit den Kollegen, mit den Kindern. Bei Freunden war es einfacher. Aber war es sicher? Gar nicht so weit weg sah die Welt bunter aus. Das wusste er vom Fernsehen, aber selbst hatte er es noch nicht gesehen, und die Aussichten, dass sich daran etwas ändern würde, standen schlecht. Er war damals um die Dreißig, hatte alles erreicht, was man wohl so erreichen konnte - und schon am Ende? Mit dreißig? Aus heutiger Sicht, von einer Dachterrasse in Miami war das damals seine Lebensmitte, denn auf dieser Reise würde er seinen Sechzigsten feiern. Bis zu der Lebensmitte hatte er den Sozialismus kennengelernt, war zur Schule gegangen, hatte einen Beruf erlernt, gearbeitet in der Planwirtschaft, geheiratet, Kinder bekommen und die ersten Zweifel gehabt. Zweifel daran, dass das der Weg, dass das das Leben sein sollte. Als die Zweifel so stark wurden, dass er, zusammen mit der Familie, einen Ausreiseantrag stellte, lernte er den Sozialismus erst richtig kennen. Das war, aus heutiger Sicht, schon der zweite Teil seines Lebens und der Anfang von etwas anderem. Drei Jahre Gefängnis, von denen er die Hälfte absitzen musste, bevor er freigekauft wurde. Ein Start ins Arbeitsleben, der ihm leichter fiel als gedacht, irgendwann eine kaputte Ehe, wieder ein Neuanfang, und nun saß er hier. Die ersten Lichter gingen an. Die Skyline gegenüber wetteiferte mit dem Sonnenuntergang und gewann schließlich unverdient. Norbert bestellte sich noch ein zweites Bier und die Rechnung. Er war neugierig, was ein richtiges Bier in solch nobler Umgebung wohl kosten würde. Und, na klar, das Trinkgeld. Das grenzte in Amerika ja an Raub. Der Kellner kam mit dem Bier und der Rechnung. Norbert schielte drauf und, na ja, da hatte er schon Schlimmeres erlebt. Also nicht so knauserig mit dem Trinkgeld. Seit zehn Tagen war er nun unterwegs und immer auf der Sonnenseite. Wenn alles gut ging, dann würde es auch die Sonnenseite bleiben auf dieser Reise – seiner Weltreise. Da kam wohl noch viel. Aber das hatte Zeit. Jetzt saß er wirklich in Miami in der lauen Abendluft, mit einem kalten Getränk und dem Blick, wenn er sich vorbeugte, auf das Hotel, das er sich als Unterkunft ausgesucht hatte. Das Sherbrooke in der Collins Avenue, drei Blocks entfernt und nur zwei Etagen hoch. Aber mitten im ART DECO District und nur einen Block vom Strand entfernt. Er nahm sich vor, einen Umweg über die Strandpromenade zu nehmen. Drei Blocks sind zu kurz für einen Heimweg in South Beach.

Er hatte jetzt wirklich das Bedürfnis, zu gehen. Der Sommer war vorbei. Vereinzelt waren hellere und auch ein paar braune Blätter an der riesigen Kastanie, die schräg vorm Haus stand, zu sehen. Inzwischen war es Anfang September, und es hatte in diesem Jahr nur einen wirklich heißen Monat gegeben. Seit Ende Mai wartete man auf die schönste Zeit an der Ostsee, auf den Sommer. Das war diesmal nur der Juli. Zwar den ganzen Monat lang, aber davor im Juni und danach im August, war es zu kalt und zu regnerisch. Einige Male hatte er es auch zum Strand geschafft, denn da er nicht mehr arbeiten musste und sich seine Zeit einteilen konnte, wie er wollte, zog er es vor, die Wochenenden nicht dafür zu nutzen. Es gab genug Leute, die den Samstag und den Sonntag brauchten, also das traditionelle Wochenende. Das war für ihn seit Ende Mai endgültig vorbei. Also schaute er von Montag bis Freitag am Morgen aus dem Fenster über die Felder, auf denen das Getreide wuchs. Waren es im Mai noch kleine Halme, die unter seinem Fester standen, so war das Feld jetzt abgeerntet, und mehrere Störche staksten über den kahlen Acker auf der Suche nach Futter.

Er hatte seine Wohnung in Stuttgart aufgelöst, die Möbel verschenkt oder verkauft und die CDs verliehen. Ebenso die alten Schallplatten, von denen er sich ungern trennen wollte. Es waren auch ein paar wenige Raritäten dabei, richtige Schätze. Für ihn jedenfalls, wenn er daran dachte, wie er dazu gekommen war. Und wer hat schon eine Original „Sergeant Pepper“, die mehr als vierzig Jahre alt ist. Allerdings war auch einiger Schrott dabei. Aber die Bedingung war: Alles oder gar nichts. Also einfach verleihen und den Plattenspieler gleich dazu. Er nannte es „parken“. Eigentlich waren es immer noch seine Sachen, aber sie hingen ihm nicht mehr wie ein Klotz am Bein. Wenn er sie mal wieder zurückhaben wollte, dann hätte er wohl Anspruch darauf. Aber eigentlich hatte er sich davon verabschiedet. Bücher waren aus seinem Regal gewandert, wenn jemand darin stöberte und er das Gefühl hatte, sie werden gelesen. Seiner Meinung nach machte es mehr Sinn, ein Buch zu verschenken als es verstauben zu lassen. Diese Einstellung hatte sich bei vielen Dingen im Laufe der letzten Jahre bei ihm verfestigt. Das erste Mal ist es ihm bei einer Reise in Südamerika in einem Hostel aufgefallen, dass fast alle Gäste lasen oder mit einem Buch unterwegs waren. Ihm ging es genauso, aber jedes Buch ist irgendwann ausgelesen. Da entdeckte er im Gemeinschaftsraum einen Schrank, vollgestopft mit Büchern. Hauptsächlich waren sie in Englisch, das die meisten Reisenden sprachen. Aber es gab auch etwas auf Deutsch, und so stellte er sein zugeklapptes Buch in den Schrank und nahm dafür ein anderes. Dieses Teilen gefiel ihm, und so hatte er im Laufe der letzten Jahre seine Wohnung geteilt, das Auto und eben auch viele Dinge, die nur wichtig sind, wenn man sie braucht. Wenn man sie also benutzt. Er hatte gemerkt, dass es ihn freier machte. Die Zeiten, in denen sich alle Bemühungen darauf richteten, etwas anzuschaffen, nur um es zu besitzen, waren endgültig vorbei. Er hatte, was er brauchte, und was er nicht brauchte, hatte er nicht mehr. Er merkte auch, dass er wohl nicht der Erste war, der so dachte, denn woher kamen Jobsharing, Carsharing, Wohngemeinschaften? Es war nicht die Not, die Leute dazu brachten, irgendetwas zu teilen. Es war die Einsicht, dass man, wenn man etwas nur wenig nutzt, eben auch teilen kann. Okay, alles kann man nicht stressfrei teilen, aber der Gedanke lohnte sich. So war im Laufe der letzten Monate aus seiner Wohnung so einiges verschwunden. Natürlich nicht geklaut, sondern mitgegeben, wenn irgendjemand etwas zu lange anschaute. Ein Glas, das einem Freund gefiel, oder eine Vase für eine Freundin. Und er fühlte sich dabei nicht ausgenommen oder ausgenutzt. Alles kam an einen wahrscheinlich schöneren Platz.

Nun wohnte Norbert also schon vom Anfang des Sommers an bei Barbara und Axel als Mitbewohner in ihrem Haus an der Ostsee. Platz war genug da, denn der Sohn war schon seit ein paar Jahren ausgezogen. Er hatte nur einmal gefragt, und die Antwort war „ja“. Er hatte ein paar persönliche Sachen mitgebracht und sich eingerichtet. Er besaß seine Wohnung, in der er mehr als zehn Jahre sehr gerne gewohnt hatte, nicht mehr. Aber er hatte ein Haus mit Küche und Garten, konnte alles benutzen, und in der Werkstatt, die gegenüber dem Haus lag, wurde das Heimkino eingerichtet, das vorher in seiner Wohnung war. Die Hängematte, die er vor ein paar Jahren aus Venezuela mitgebracht hatte und in der die drei Enkel so gerne getobt hatten, wurde zwischen zwei Bäume im Garten gespannt. Was konnte es Besseres geben? Er fühlte sich frei, hatte bei Bedarf Gesellschaft, mähte auch ab und zu den Rasen und schaute morgens zum Himmel, ob es denn Strandwetter werden würde. Die Batterie in seiner Armbanduhr hatte, passend in der Zeit, ihren Geist aufgegeben, und er hatte nicht vor, sie zu ersetzen. Die Sonne ging auf – die Sonne ging unter. Wunderbar, ein Leben ohne Uhr.

Den Juli über war er viel gereist, hatte Freunde in ganz Deutschland besucht und auch in London. Er hatte sich die Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern angeschaut und mehrere Tage in den schönen schattigen Biergärten am Schweriner Schloss mit Lesen verbracht. Ein Sommer, wie man ihn sich vorstellt, wenn man Zeit hat. Wie gesagt, der Juli war heiß, fast zu heiß. Aber nun waren die letzten fünf Wochen vergangen, ohne dass dieses Wetter, das man wirklich für den Norden braucht, zurückkam. Bei einer Woche Regen tröstet man sich noch tapfer damit, dass es nur schlechte Kleidung gibt und kein schlechtes Wetter. Die Zeit bei seinen Freunden im Haus sollte sowieso nur über den Sommer dauern, weil er sich im Herbst nach einem Wohnmobil umsehen wollte, mit dem er dann über den Winter in den Süden nach Spanien oder Italien aufbrechen wollte. Auf alle Fälle Alpensüdseite. Lotterleben eben. Nun kam der Herbst, beziehungsweise war er schon fast den ganzen August über da. Meistens hat man im September schönere Tage.

Die Idee, das Fahren und das Wohnen zu verbinden, also Reisen in den eigenen vier Wänden auf Rädern, bestand immer noch. Allerdings war sie um ein Jahr verschoben. Dieses Jahr sollte das bisher freieste Jahr in seinem Leben werden. Ein ganzes Jahr oder vielleicht etwas weniger. Nachdem er keine eigene Wohnung mehr hatte und noch kein Wohnmobil besaß, wollte er etwas machen, von dem er früher nie geglaubt hätte, dass er solche Pläne schmieden würde. Und er fühlte sich frei. Kein  Ballast mehr, um den er sich kümmern musste. Telefon gekündigt, GEZ abgemeldet, Hausratsversicherung gekündigt, keine Verträge mehr, kein Aktienfond. Mit wem er auch sprach, um die Verträge zu kündigen oder aufzulösen - da war meist zuerst nur Irritation, weil man das angeblich doch alles braucht. Bis er merkte, wie einfach ein Argument sein kann: „Ich habe kein Zuhause mehr! Ich mache eine Weltreise!“

Natürlich stellt sich da, und nicht an letzter Stelle, die Frage der Finanzierung. Aber die war gesichert, weil Norbert vor gut drei Jahren ein Angebot von seinem Arbeitgeber auf Altersteilzeit angenommen hatte. Er würde beim Beenden seiner aktiven Arbeitszeit fünfundvierzig Jahre ohne nennenswerte Unterbrechungen gearbeitet haben. Das, so entschied er für sich, sei genug, und er zögerte nicht, zu unterschreiben. Seitdem stand natürlich auch die Frage im Raum: Was tun? Nur morgens aufstehen, nicht zur Arbeit gehen müssen, Frühstücken und dann aufs nächste Essen warten, das kam ja wohl nicht in Frage. Fünf geschenkte Jahre, die er vorzeitig gehen konnte, sollten auch sinnvoll gefüllt werden. Daher die Idee mit dem Wohnmobil, die ihm kurz nachdem er unterschrieben hatte, in den Sinn kam. Das Reisen hatte ihm immer schon gefallen, und dass das mit der vielen freien Zeit auch weitergehen oder sogar noch intensiver werden würde, war abzusehen. Aber, wenn der Geist erst mal frei ist, dann öffnen sich Türen, und durch manche mag man gehen. Da war einmal die Einladung nach Hawaii. Hannes, ein Freund, den er von einer Reise nach Kuba kannte und mit dem er vor ein paar Jahren dort ein fantastisches Weihnachtsfest verbracht hatte, studierte auf Hawaii. Da kommt dann der flapsige Spruch: „ Komm doch mal vorbei“, den man eigentlich nicht wirklich ernst nehmen kann. Jeder weiß, dass Hawaii nun mal nicht eben vor der Tür liegt. Aber dann Stephanie, eine Freundin aus Berlin mit einem work – and – travel - Visum für ein Jahr für Australien in der Tasche. „Komm doch mal vorbei.“ Was für ihn ein netter, wohl auch ernst gemeinter Spruch war, der allerdings abseits aller ernstzunehmenden Erwägungen lag, wurde nach etwas Bedenkzeit zu einer Möglichkeit. Hawaii allein  fiel aus, denn auch wenn er genügend Zeit hatte, so würde er doch nach ein paar Wochen wieder mitten im Winter in Deutschland landen. Und dann nach Australien in die entgegengesetzte Richtung? So reizvoll sich die Einladungen anhörten, es waren Schnapsideen. Aber wenn der Geist erst mal frei ist, dann kommt man auch trotz einer langen Leitung zu einem guten Ergebnis. Man muss nur ein paar Mal drüber schlafen, und Stück für Stück wurde aus der Idee ein Plan. Warum dann nicht einfach einmal um die Welt? Dann lägen doch die Einladungen irgendwie auf dem Weg. Er bliebe im Sommer, und er wäre in Deutschland zurück, wenn es an der Ostsee auch wieder schön sein würde. Schneefegen war nämlich nicht seine Sache und viele dicke Sachen anziehen auch nicht. Die Chance in seiner jetzigen Lebenssituation war einmalig. Es gab sie noch nie, weil er immer an etwas gebunden war, und es würde sie nie mehr geben, wenn er ein Wohnmobil hätte und damit gebunden wäre. Denn niemand kauft ein Wohnmobil in Europa und macht Urlaub in Australien. Jedenfalls kannte er niemanden.